Tilly – die nächste Scarlett Johansson?
Tilly, die nächste Scarlett Johansson oder Natalie Portman? Übernimmt KI Hollywood?
Das ist nicht meine Frage. Das ist das erklärte Ziel von Eline Van der Velden, der Frau, die Tilly Norwood erschaffen hat. Eine Schauspielerin, die in 20 Sekunden gegen Monster kämpft, vor Explosionen flieht, ein Auto verkauft und fast einen Oscar gewinnt.
Es gibt nur ein Problem: Tilly existiert nicht.
Ende September 2025 stellte Eline ihre Kreation auf dem Zurich Film Festival vor. Die niederländische Ex-Schauspielerin und Gründerin von Particle6 verkündete auf einem Panel, dass mehrere Talentagenturen daran interessiert seien, Tilly zu vertreten. „Talent Agents Circle AI Actress Tilly Norwood.“ (Schlagzeile von „Deadline“)
Hollywood explodierte
Emily Blunt nannte es „wirklich, wirklich beängstigend“ und forderte Agenturen auf: „Komm schon, macht das nicht. Bitte hört auf, unsere menschliche Verbindung wegzunehmen.“
Whoopi Goldberg, sehr eloquent meiner Meinung nach: „Du bist plötzlich im Wettbewerb mit etwas, das aus 5.000 anderen Schauspielern generiert wurde. Das ist ein unfairer Vorteil. Aber wisst ihr was? Bring it on. Denn man kann sie immer von uns unterscheiden.“
SAG-AFTRA („Screen Actors Guild‐American Federation of Television and Radio Artists“ ist die größte US-amerikanische Gewerkschaft für Filmschauspieler, Fernsehdarsteller, Synchronsprecher, Moderatoren und andere Medienprofis), die Gewerkschaft, die 160.000 Schauspieler vertritt, fand das nicht lustig: „Tilly Norwood ist kein Schauspieler, sondern ein Charakter, generiert von einem Computerprogramm, das auf der Arbeit unzähliger professioneller Darsteller trainiert wurde – ohne Erlaubnis oder Bezahlung. Sie hat keine Lebenserfahrung, keine Emotionen.“
Und Schauspielerin Mara Wilson fragte: „Was ist mit den hunderten lebenden jungen Frauen, deren Gesichter zusammengesetzt wurden, um sie zu erschaffen? Ihr konntet keine von denen einstellen?“
Das ist nicht neu – aber Tilly ist anders
Wir haben uns längst an synthetische Gesichter gewöhnt. Auf Social Media begegnen dir täglich KI-Avatare, die Produkte bewerben, als Influencer Reichweite aufbauen, Testimonials geben. Lil Miquela, ein CGI-Influencer, unterschrieb bereits 2020 bei der Talentagentur CAA. Sie hat über zwei Millionen Follower und Deals mit Prada und Calvin Klein. Das ist Marketing. Das ist Werbung. Und wir haben gelernt, damit zu leben, es fällt uns gar nicht mehr auf.
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Klingt sehr technisch?
Aber: Wir können das jetzt alles selber machen. Überhaupt kein Problem. Ganz einfach. Noch ist das alles etwas aufwendig, aber ich kann dir in wenigen Minuten beibringen, wie du direkt mit einem Avatar loslegen kannst. Konsistente Charaktere sind aufwändiger. Aber mal schnell ein Video mit einer im Avatar machen geht ruckzuck und kostet fast nichts. Tilly zu erstellen ist deutlich mehr Aufwand, da ein konsistenter Charakter geschaffen wird.
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Was in Hollywood längst passiert, darüber wird weniger gesprochen: Studios lassen heute bereits echte Schauspieler scannen und klonen. Die Rechte werden abgetreten. Der Avatar übernimmt gefährliche Stunts. Oder Szenen, für die der Star nicht einfliegen muss. Oder einen ganzen Werbespot, ohne dass die Person jemals am Set war.
James Earl Jones hat die Rechte an seiner Stimme für Darth Vader an Disney übertragen. Carrie Fisher erschien posthum in Star Wars-Filmen. Tom Cruise braucht keinen Stuntman mehr für unmögliche Sprünge – sein digitaler Zwilling erledigt das. Eine bekannte Schauspielerin kann gleichzeitig in drei Werbespots auf drei Kontinenten zu sehen sein, ohne je ein Flugzeug bestiegen zu haben.
Das ist keine Science Fiction. Das ist Normalität. Das ist die Filmindustrie 2025.
Der Unterschied bei Tilly: Sie hat keine menschliche Vorlage. Sie ist niemandes Avatar. Sie soll eigenständig Rollen spielen. In Filmen. In Serien. Als Schauspielerin. Und genau das ist der Punkt, an dem Hollywood „Stopp“ schrie.
Warum Schauspielerei anders ist
Ein Avatar, der ein Parfüm bewirbt? Okay. Ein Klon, der einen Stunt übernimmt? Kosteneffizient und sicher. Ein synthetisches Gesicht, das in einem Werbespot auftaucht? Spart Produktionskosten.
Aber eine KI, die eine komplexe emotionale Szene spielt? Die Trauer, Freude, Wut verkörpert? Die eine Figur mit Tiefe und Nuancen füllt?
Das ist etwas anderes.
Schauspielerei ist mehr als Worte sagen oder gut aussehen. Es ist menschliche Erfahrung, übersetzt in Kunst. Es ist Verletzlichkeit. Es ist das, was uns beim Zuschauen berührt, weil wir spüren: Da ist ein Mensch, der etwas fühlt, das wir kennen. Das ist es, was uns fesselt und in einen Film völlig eintauchen lässt.
Studien belegen das. Menschen bevorzugen nachweislich Kunst, von der sie wissen, dass sie von Menschen gemacht wurde – selbst wenn die KI-Version technisch identisch ist. Wir wollen die menschliche Verbindung. Wir suchen sie. Und wenn wir merken, dass sie fehlt, wenden wir uns ab.
Van der Velden argumentiert: „Tilly ist kein Ersatz, sondern ein neues Werkzeug, ein neuer Pinsel. Genau wie Animation, Puppetry oder CGI neue Möglichkeiten eröffneten, ohne Live-Acting zu ersetzen.“
Aber ein Pinsel malt nicht selbst. Er ist das Werkzeug in der Hand eines Künstlers. Tilly soll die Künstlerin sein. Das ist der Unterschied.
Was wirklich dahinter steckt
Warum tun Studios das? Die Antwort ist einfach: Kosten.
Tilly wird nie müde, nie alt, streikt nie, verhandelt nie über Gehalt. Sie beschwert sich nicht über Arbeitsbedingungen. Sie ist perfekt kontrollierbar. Sie kostet einen Bruchteil dessen, was eine echte Schauspielerin kostet.
Van der Velden brauchte einen Monat, um Tillys ersten 2-Minuten-Sketch zu produzieren. Die folgenden gehen dann schneller, aber so ein „KI-Avatar“ muss erst einmal erstellt und trainiert werden. Sie nutzte zehn verschiedene KI-Tools. Sie musste der KI beibringen, wie man Worte betont, wie man Zweifel ausdrückt, wo die Betonung in einem Satz liegt. Der Prozess war mühsam. Iterativ. Zeitaufwendig.
Das Ergebnis? The Guardian nannte es „gnadenlos unfunny“. Tillys Zähne „verschwimmen zu einem weißen Block“. Ihre Bewegungen wirken, „als würde ihr Skelett ihren Körper verlassen“. Die emotionale Wirkung: uncanny valley.
Aber das ist erst der Anfang
Aber das ist jetzt. Die Technologie von heute. In einem Jahr? In fünf? Die Qualität wird besser. Die Produktion schneller. Die Kosten niedriger.
Van der Velden berichtete auf dem Panel: Studios, die im Februar 2025 noch sagten „Nein, das ist nichts“, sagten im Mai bereits „Okay, lass uns reden.“ Verena Puhm von Luma AI bestätigte: „Manche Studios sagten ‚Wir nutzen kein AI.‘ Ich wusste, manche logen – sie arbeiteten bereits heimlich daran.“
Die öffentliche Empörung ist laut. Die privaten Gespräche sind leise. Aber sie finden statt.
Was das für dich bedeutet
Du bist keine Schauspielerin. Aber das Prinzip gilt überall.
Was in Hollywood passiert, ist ein Muster, das du in jedem Bereich siehst, wo KI ankommt:
Stufe 1: KI macht das Einfache. Stunt-Doubles. Routineaufgaben. Standardantworten.
Stufe 2: KI macht das Skalierbare. Social Media Avatare. Content-Generierung. Werbeclips.
Stufe 3: KI will das Komplexe. Schauspielerei. Beratung. Strategie. Kreativität. Emotion.
Und bei Stufe 3 merken wir vielleicht, dass etwas fehlt. Etwas Wesentliches. Etwas Menschliches. Etwas, was wir vielleicht gar nicht artikulieren können, was wir nur spüren. Mit unserem Bauchgefühlt, das eine KI nur als Begriff kennt.
Oder auch nicht?
Merken wir es wirklich, wenn eine KI eine Filmrolle übernimmt? Ich habe Videos gesehen, die zu 100 % KI generiert waren und sehr starke Emotionen hervorgerufen haben. Also.. Ist das überhaupt relevant für die Unterhaltung, die wir uns wünschen?
Natürlich ist Tilly kein Mensch
Tilly kann in 20 Sekunden gegen Monster kämpfen, vor Explosionen fliehen und ein Auto verkaufen. Sie kann Worte sprechen, die ChatGPT für sie geschrieben hat. Sie kann weinen, wenn man ihr sagt, dass sie weinen soll.
Was sie nicht kann: Fühlen, warum sie weint. Verstehen, was dieser Moment bedeutet. Die Nuance spüren, die eine Szene von glaubhaft zu berührend macht. Sie hat keine Jahre der Erfahrung. Keine Fehler, aus denen sie gelernt hat. Keine Momente der Unsicherheit, in denen sie trotzdem eine Entscheidung treffen musste. Keine Intuition, die sich nicht in Daten übersetzen lässt.
Ist das wirklich wichtig? Kann sie trotzdem die Tiefe bieten, die wir in einem richtig guten Film spüren wollen? Wir werden sehen. Ich glaube nicht. Oder noch nicht?
Wie siehst du das? Schreib‘ mir gerne, ich freue mich über deine Kommentare
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Alles Liebe,
deine Manuela
