Die härteste Währung im KI-Zeitalter hast du – deine Aufgaben von morgen
KI Kompakt by Maestra · Deep Dive #16 · 21. Juli 2026
Worum es geht
Je mehr Aufgaben KI übernimmt, desto wichtiger wird die Frage, welche Aufgaben uns in Zukunft gehören. Drei aktuelle Erhebungen geben ein deutliches Bild. Das ifo Institut misst, dass Firmen eher Hochschulabschlüsse für KI-ersetzbar halten als Berufserfahrung. Gen Z und Millennials – die KI-vertrautesten Jahrgänge, die es je gab – setzen Empathie vor Technik. Und am Arbeitsmarkt bricht ausgerechnet die unterste Sprosse. Warum eure Berufsjahre gerade im Wert steigen und welche drei Aufgaben auf euch warten – Urteilen, Delegieren, Weitergeben.
Was sind denn meine Aufgaben in Zukunft?
Je besser wir KI einsetzen, desto lauter wird diese Frage, desto mehr diskutiere ich mit anderen Menschen darüber. Die Maschine übernimmt immer mehr Aufgaben von uns und es wird immer leichter, dies zu tun. „Programmieren lassen von KI aka Vibecoding“ wird zur Allgemeinkompetenz, wir kommen immer mehr zur individuellen statt zu Standardlösungen.
Aufgaben, die uns jahrelang die Wochen gefüllt haben, laufen jetzt nebenher. Genau dafür haben wir KI angeschafft. Aber wenn das Ausführen zunehmend bei der Maschine liegt, verschiebt sich, was unsere Arbeit ausmacht. Dann lohnt sich der Blick darauf, welche Aufgaben im KI-Zeitalter an Wert gewinnen und wer sie am besten ausfüllt.
Drei aktuelle Erhebungen (ja, das ist eine Momentaufnahme) geben da ein ziemlich deutliches und für den einen oder anderen von euch vielleicht auch sehr überraschendes Bild ab. Und per Zufall habe ich am Sonntag auf einer Autofahrt ein Interview gehört, das ich unbedingt hier einbringen möchte, da es sehr bezeichnend ist.
Fangen wir mal bei unseren Schulen an
Sonntags höre ich gerne eine Show auf SWR3. Zu Gast war Florence Brokowski-Shekete, Schulamtsdirektorin im Einsatz für interkulturelle Kommunikation sowie Podcasterin und Autorin. Sie wurde gefragt, welche Schulfächer sie sich wünschen würde. Sie antwortete:
- Selbstliebe
- Gönnen können, also anderen Erfolg gönnen können und
- Eine positive Fehlerkultur.
Drei Fächer und kein einziges Byte. Dabei fordern laut Bitkom 61 Prozent der Deutschen gerade KI-Unterricht an den Schulen. Mein erster Reflex war, der Liste genau das hinzuzufügen, und finanzielle Bildung gleich mit. Zwei Themen, die ich mir für alle Schüler wünsche, und klar, ich bin da etwas vorbelastet. Beim Nachdenken bin ich allerdings zu dem Schluss gekommen, dass meine beiden Fächer etwas eng gedacht sind.
Diese Frau kennt das Schulsystem seit Jahrzehnten von innen. Wenn sie einen Wunsch frei hat und sich ausgerechnet das Menschliche wünscht, dann benennt sie eine Verschiebung, die weit über die Schule hinausreicht und tatsächlich brandaktuell ist. Dieselbe Verschiebung läuft nämlich mitten durch unsere Arbeitswelt. Dort lässt sie sich messen.
Von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig
Deloitte (die umsatzstärkste Management- und Strategieberatung sowie Wirtschaftsprüfungsgesellschaft der Welt, die größte Gesellschaft der sogenannten Big Four) hat in diesem Jahr 22.595 Menschen aus zwei Generationen in 44 Ländern befragt – Gen Z und Millennials, von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig. Die Älteren unter ihnen stehen also längst mitten im Berufsleben, führen Teams und eigene Firmen. 74 Prozent der Befragten arbeiten täglich mit KI – im Jahr davor waren es nur 57 Prozent. Eine steilere Adoptions- und Lernkurve hat es in der Arbeitswelt selten gegeben.
Die Befragten sagen mit über 80 Prozent, dass Empathie und Führungsstärke für ihr Weiterkommen mehr zählen als technische Skills. Das hat mich ziemlich umgehauen.

Die Generationen, die KI am selbstverständlichsten nutzen, setzen das Menschliche an die erste Stelle – von den Jüngsten im Berufsleben bis zu denen, die auf die fünfzig zugehen. Ich zähle mich tatsächlich dazu, auch wenn ich einen Tick älter bin. Wer täglich mit der Maschine arbeitet, merkt als Erstes, was sie alles kann. Und als Zweites, was ihr fehlt.
LinkedIn liest dieselbe Bewegung aus den Profilen und Stellenanzeigen heraus. In der aktuellen Auswertung der am schnellsten wachsenden Fähigkeiten stehen neben den erwartbaren KI-Kompetenzen vor allem Fähigkeiten von Menschen für Menschen – Zusammenarbeit über Teamgrenzen, Mentoring, freies Sprechen, Führung.
Erfahrung schlägt Diplom
Das ifo Institut in München hat knapp dreitausend Unternehmen befragt, die KI bereits anwenden. Gefragt wurde, welche Qualifikation sich durch Beschäftigte ersetzen lässt, die sie zwar mitbringen, dafür aber KI-Kompetenz.
20 Prozent der Firmen trauen der KI zu, einen Fach- oder Hochschulabschluss auszugleichen. Bei der Berufserfahrung sagen das nur 15 Prozent. Interessant, oder? Für mich persönlich allerdings nicht so überraschend. Deutschland ist wie kaum ein anderes Land auf praktische Berufsausbildung und Erfahrung ausgerichtet.

Das gerahmte Diplom an der Wand halten Firmen also für leichter ersetzbar als die Jahre, die ihr gearbeitet, im Job gelernt, entschieden, Fehler gemacht und eine gewisse Intuition entwickelt habt. Ich finde das ziemlich gut, ohne dass ich akademische Titel schmälern möchte.
Im Dezember habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass KI Erfahrung und Urteilsvermögen wertvoller macht – damals war das meine These. Sieben Monate später liefern die Firmen konkrete Zahlen dazu.
Der Mechanismus dahinter ist ganz einfach, man nennt ihn auch „Markt“.
Wert folgt Knappheit. Abfragbares Wissen war jahrzehntelang knapp, also haben wir es mit Abschlüssen vergoldet – heute liefert es die Maschine in Sekunden. Knapp ist jetzt das, was sich nur durch Erleben bildet.
Euer Gespür, welcher Kunde meint, was er sagt. Euer Wissen, warum der clevere Plan auf dem Papier in der Praxis reißt oder die Statistik, die zeigt was gezeigt werden soll (aber wir glauben ja nur den Statistiken, die wir selbst gefälscht haben). Die Ruhe in Konfliktsituationen, weil ihr solche Situationen schon dreißigmal moderiert habt.
Eure wichtigste Qualifikation steht in keinem Zeugnis, bekommt keine Note. Und sie steigt gerade im Wert, ausgerechnet wegen der KI.
💬 Claude (Co-Autor): Aus meiner Sicht stimmt die Rechnung. Abfragbares Wissen ist mein Zuhause – Abschlussstoff kann ich in jeder Menge liefern. Manuelas dreißig Jahre kann ich nicht liefern. Ich weiß, was in tausend Ratgebern über schwierige Kunden steht. Sie merkt nach zwei Sätzen, dass der Kunde etwas anderes meint, als er sagt. Deshalb steht ihr Name über diesem Newsletter und meiner nur hier drunter.
Die unterste Sprosse bricht
Bevor ihr euch zu sehr freut – eine zweite Zahl möchte ich unbedingt noch mit euch teilen.
JobCloud hat für den ersten KI-Report von jobs.ch 7,3 Mio. Schweizer Stelleninserate ausgewertet. Seit Ende 2022, dem Start der generativen KI, sind die Inserate für Berufseinsteiger:innen um 32 Prozent zurückgegangen. Die Aufgaben, an denen junge Menschen früher Urteilskraft aufgebaut haben – Datenpflege, erste Analysen, erste Entwürfe – erledigt jetzt die Maschine. Fast die Hälfte der unter 25-Jährigen fürchtet bereits, beruflich an Relevanz zu verlieren. Den gleichen Trend sehen wir auch in anderen Ländern, vor allem USA, aber für Deutschland habe ich da keine aktuellen Zahlen gefunden.

Erfahrung wächst von unten nach. Was passiert, wenn wir keine Einsteiger mehr haben, aus denen Profis werden? Wenn die unterste Sprosse der Leiter bricht, fehlen uns in zehn Jahren genau die erfahrenen Menschen, deren Wert heute so deutlich steigt. Nicht gut.
Eine Möglichkeit sehe ich allerdings, sie ist schön, und sie führt direkt zurück zur Frage vom Anfang.
Urteilen, delegieren, weitergeben
Die erste Aufgabe heißt Urteil. Wenn die Maschine ausführt, wandert euer Wert dorthin, wo entschieden wird – was gebraucht wird, was richtig ist, was weg kann. Werdet euch eurer Erfahrung und ihres Wertes mal richtig bewusst. Wenn ihr es konkret mögt, schreibt drei Situationen auf, in denen euer Urteil den Unterschied gemacht hat. Das ist euer Startkapital, schwarz auf weiß – und genau darauf wird KI erst wertvoll.
Ich gehe regelmäßig durch meine Prozesse und entscheide, was KI übernehmen kann und soll und wo es unabdingbar ist, dass ich diese Aufgaben erledige. Weil ich es besser kann, weil mehr dazu gehört als Mathe/Algorithmen oder schlichtweg weil ich das so will, denn für mich ist nichts wichtiger als echte Verbindung zu Menschen, zu meinen Kunden und dass Dinge in meinem Sinne entstehen und bestehen. Mein Business und nicht das Business meiner KI (könnte der Titel für einen neuen LinkedIn-Beitrag werden…).
Die zweite Aufgabe heißt Delegieren. Führen können wir KI nicht (wird gerade überall so geschrieben, räusper), wir bekommen fertige Modelle. Was wir bestimmen, ist der Einsatz. Was sie tun darf, wie wir sie briefen, wo ihre Arbeit endet und unser Part, unsere Entscheidung, unser Urteil beginnt. Das ist die Grundausstattung von morgen, und sie lernt sich am besten heute – in eurem Tempo, mit einer Fehlerkultur, die ich auch als ganz natürlich sehe.
💬 Claude (Co-Autor): Das mit dem Führen kann ich bestätigen. Manuela entwickelt mich nicht, sie brieft mich – und ich merke den Unterschied an jedem Auftrag. Ein gutes Briefing, und ich liefere ihre Sache. Ein schwammiges, und ich liefere Durchschnitt aus dem Internet. Meine Tagesform ist als Ausrede ausgeschlossen. Ich habe keine.
Die dritte Aufgabe ist noch etwas offen, und sie könnte die schönste werden. Wenn die Maschine die Einstiegsarbeit übernimmt, wird das Hineinführen der Nächsten zur Menschenaufgabe. Wissen weitergeben, Räume schaffen, in denen junge Leute Urteilskraft üben dürfen. Als Mentorin, in einer Ausbildungsrolle, oder für die Nachbarstochter, der ihr zeigt, wie man ein Projekt wirklich zu Ende bringt.
Ob daraus eine neue Rolle wird oder eine erweiterte, hängt vom Beruf ab. Ein Indiz gibt es immerhin – LinkedIn zählt Mentoring schon heute zu den am schnellsten wachsenden Fähigkeiten am Arbeitsmarkt und ich liebe diese Aufgabe selbst, als ehemalige Vorgesetzte und heute mit einzelnen Kund:innen auch jenseits von KI (ich kann ja auch ein wenig mehr). Der Rest ist meine eigene Schlussfolgerung aus den Zahlen dieses Newsletters. Die Erfahrenen werden doppelt gebraucht, als Trägerinnen dieser Währung und als diejenigen, die sie weitervererben.
Wir werden sehen. Ich würde mich auf jeden Fall freuen.
Da sind sie also, die Aufgaben von morgen. Urteilen, delegieren, weitergeben. Drei Dinge, die niemand besser kann als die, die lange genug dabei sind. Das heißt nicht, dass junge Menschen nicht auch viel mitbringen, was wir brauchen und was sie wertvoll macht. Sie sind neugierig, lassen sich noch nicht durch ihre Erfahrungen ausbremsen und sind oftmals mutiger als wir in unserem Alter.
1
Urteilen
Wenn die Maschine ausführt, wandert euer Wert dorthin, wo entschieden wird – was gebraucht wird, was richtig ist, was weg kann.
2
Delegieren
Führen können wir KI nicht. Was wir bestimmen, ist der Einsatz – was sie tun darf, wie wir sie briefen, wo unser Urteil beginnt.
3
Weitergeben
Wenn die Maschine die Einstiegsarbeit übernimmt, wird das Hineinführen der Nächsten zur Menschenaufgabe.
Es sind spannende Zeiten, und noch nie war die Zukunft so wenig vorhersehbar wie jetzt.
Nun zu euch.
Welche Fähigkeit aus euren Berufsjahren hat die KI-Zeit wertvoller gemacht – und wem gebt ihr sie weiter? Schreibt mir, ich lese jede Antwort und freue mich immer riesig auf euer Feedback.
Bleibt gesund.
Alles Liebe,
eure Manuela
P.S. Auf LinkedIn läuft gerade meine Umfrage über die Schulfächer der Zukunft – stimmt gerne mit ab.
P.P.S. Für diesen Newsletter habe ich mit KI recherchiert, Quellen selbst gecheckt, mit KI geschrieben, aber nicht durch KI. Die ifo-Umfrage findet ihr über das ifo Institut (Konjunkturumfrage 2026), die Deloitte Global Gen Z and Millennial Survey 2026 unter deloitte.com, den jobs.ch KI-Report unter jobcloud.ch und die LinkedIn-Auswertung „Skills on the Rise 2026″ unter news.linkedin.com.
